JVA-Sportkoordinator Ralf Müller:
Fußball im Gefängnis: Ralf Müller ist Sportkoordinator in der JVA Wuppertal-Ronsdorf, wo er Fußballtraining für Häftlinge anbietet. Für viele Inhaftierte sind die 90 Minuten, in denen sie Fußball spielen, die schönste Zeit der Woche.
Im FUSSBALL.DE-Interview spricht Müller über Fußball hinter Gittern. Und er beschreibt, wieso der Sport ein wichtiger Bestandteil der Haftzeit ist und wie der Amateurfußball den Menschen nach ihrer Haft bei der Resozialisierung helfen kann .
FUSSBALL.DE: Ralf Müller, wie wichtig ist der Fußball im Alltag der Inhaftierten?
Ralf Müller: Sehr wichtig. Wir bieten verschiedene Sportaktivitäten an, aber der Fußball ist ganz klar die Nummer eins - sogar bei unseren weiblichen Inhaftierten.
Warum ist der Fußball so wichtig im Haftalltag?
<h4>"Fußball ist ganz klar die Nummer eins - sogar bei unseren weiblichen Inhaftierten"</h4>
Müller: Die Fußballregeln sind einfach und bei den meisten bekannt. Das ist schon mal sehr gut. Ich muss also nicht bei Null anfangen und alles neu erklären. Ein weiterer Vorteil beim Fußball ist, dass die Gruppengröße variabel ist. Wir können von Eins-gegen-Eins bis Elf-gegen-Elf spielen, alles ist möglich. Hinzu kommt, dass Aspekte wie Kultur, Hautfarbe, Herkunft oder Handicaps total egal sind. Beim Fußball sind alle gleich. Und was auch wirklich interessant ist: Wenn der Ball rollt, spielt es keine Rolle mehr, dass wir uns hier hinter hohen Mauern befinden, die zusätzlich noch mit Stacheldraht gesichert sind. Dann geht es nur noch um Fußball. Die Inhaftierten vergessen, wo sie gerade sind.
Und welche Rolle kann der Fußball aus pädagogischer Sicht einnehmen?
Müller: Wir entwickeln über den Fußball Werte, die für die Inhaftierten auch nach der Haftzeit entscheidend sein werden. Man kann das über Workshops machen, aber das ist nicht so spannend. Deshalb nutzen wir hier die Kraft des Fußballs.
Wie genau?
Müller: Der Fußball selbst ist wertebildend. Man gewinnt zusammen, man verliert zusammen. Man muss lernen, mit Rückschlägen umzugehen und sich an Regeln zu halten. Im Fußball ist man nur als Team erfolgreich, der Einzelne kann wenig ausrichten. Das Miteinander steht im Fokus - auch Aspekte wie Fairness und Respekt voreinander. Auch vor dem Gegner.
Interessant an diesem Aspekt ist, dass viele der Inhaftierten genau deshalb in der JVA sind, weil sie viele dieser Werte vermutlich nicht gelebt haben.
Müller: Ja, genauso ist es. Außerhalb der Mauern hier haben die Inhaftierten sich nicht an Regeln gehalten und teilweise schlimme Dinge getan. Umso wichtiger ist es, dass wir die Zeit hier nutzen, um zu zeigen, worauf es ankommt. Alle haben eine zweite Chance verdient. Aber sie müssen sie auch nutzen.
<h4>"Der Fußball mit seinen Regeln ist ein wunderbares Mittel, um die Resozialisierung zu erreichen"</h4>
Bereiten Sie die Menschen also auch mit dem Fußball auf das Leben außerhalb der Mauern und des Stacheldrahts vor?
Müller: Ja, so kann man es sehr gut zusammenfassen. Der Fußball mit seinen Regeln ist ein wunderbares Mittel, um die Resozialisierung zu erreichen.
Merken Sie, dass die Inhaftierten nach einer Fußballeinheit, in der sie sich auspowern konnten, entspannter durch den Haftalltag kommen?
Müller: Das ist definitiv so. Nach dem Fußball ist die Stimmung fast immer gut.
Wie oft können die Inhaftierten bei Ihnen Fußball spielen?
Müller: Das ist unterschiedlich. Wer wirklich daran interessiert ist, kann mindestens zweimal in der Woche Fußball spielen. Aber wir bieten auch Projekte an, in denen das häufiger möglich ist. Ob das wirklich geht, hängt aber von unterschiedlichen Faktoren ab - unter anderem auch davon, wie sich die Inhaftierten hier verhalten. Wenn sie sich benehmen und einbringen, ist die Belohnung dafür sozusagen, dass sie häufiger Fußball spielen können.
Und dann gibt es ja noch die "Anstoß"-Mannschaft, die durch die DFB-Stiftung Sepp Herberger gefördert wird.
Müller: Genau, das ist eine ganz besondere Initiative. Die Inhaftierten leben dann in der Herberger-Wohngemeinschaft in unserer Einrichtung. Sinn und Zweck dieser Maßnahme ist es, dass die Inhaftierten auf das Leben nach der Haft vorbereitet werden. Deshalb kann man auch erst in die Herberger-Wohngemeinschaft ziehen, wenn das Ende der Haft absehbar ist.
Und was passiert dann dort genau?
Müller: Wenn man in dieser Wohngruppe lebt, ist man verpflichtet, in der Anstalt auch eine Tätigkeit auszuüben oder zur Schule zu gehen. Hier ist auch unser Sozialdienst stark eingebunden, um mit den Insassen zu besprechen, wie deren Weg nach der Haft aussehen kann. Auch mit der Bundesagentur für Arbeit stehen wir in engem Austausch, um auch schon die berufliche Perspektive zu klären.
Hinzu kommt, dass Sie bestrebt sind, Insassen der Herberger-Wohngemeinschaft im Amateurfußball zu platzieren. Warum?
Müller: Wir haben eine Kooperation mit dem TSV 05 Wuppertal-Ronsdorf. Die kommt zum Tragen, wenn die Inhaftierten irgendwann in die Phase der Vollzugslockerungen kommen und zeitweise die Einrichtung verlassen dürfen - erst begleitet, später dann auch alleine. Wir freuen uns, dass wir hier die Möglichkeit haben, den Menschen, die viel Zeit im Gefängnis verbracht haben, die Chance zu geben, sich über den Amateurfußball zu resozialisieren.
Warum ist der Amateurfußball hierfür ein starkes Mittel?
<h4>"Die Jungs sind weg von der Straße, sie sind Teil eines Vereins, Teil einer Gemeinschaft"</h4>
Müller: Die Jungs sind weg von der Straße. Sie sind Teil eines Vereins, Teil einer Gemeinschaft. Im Amateurfußball kennt oft jeder jeden. Da ist es über Verbindungen manchmal auch schneller möglich, zum Beispiel einen Job zu finden. Ich will ein konkretes Beispiel nennen: Vielleicht hat der Vorsitzende eine Baufirma oder einen Maurerbetrieb und sucht noch Mitarbeitende. Es gibt viele Wege, die ich mir in dieser Richtung vorstellen kann und die wir auch schon in der Praxis erlebt haben. Das sind die Möglichkeiten, die der Fußball bietet.
Gibt es aus Ihrer Erfahrung Beispiele, in denen es so abgelaufen ist?
Müller: Natürlich, mehrere sogar. Gerade heute habe ich noch einen Anruf von einem ehemaligen Inhaftierten bekommen, der mir genau so eine Geschichte erzählt hat. Ich kenne zahlreiche frühere Insassen, die über den Fußball eine Arbeit gefunden und sich ein neues Leben aufgebaut haben. Das freut mich unheimlich. Immer wieder passiert es auch, dass mir Häftlinge erzählen, dass sie dahin oder dorthin ziehen und fragen, ob ich nicht den Erstkontakt zu dem Fußballverein im Ort herstellen könne. Das mache ich selbstverständlich gerne, weil ich ja genau weiß, dass das der perfekte Weg ist.
Haben Sie es auch schon einmal erlebt, dass ein Inhaftierter nach der Zeit in der JVA dann Schiedsrichter im Amateurfußball geworden ist?
Müller: Das ist deshalb eine spannende Frage, weil der Mensch vorher Regeln gebrochen hat und deshalb bei uns gelandet ist und nun auf der anderen Seite steht und beim Fußball dafür sorgt, dass alles regelkonform abläuft. Was ich sagen kann: Wir haben bei uns in der Anstalt schon mehrfach Schiedsrichterausbildungen durchgeführt. Das stieß auch auf großes Interesse. Im Anschluss hatten wir dann auch ausgebildete Schiedsrichter. Ich weiß aber nicht, ob ein ehemaliger Inhaftierter heute tatsächlich auch als Unparteiischer im Amateurfußball tätig ist.
Dafür sind Sie im Amateurfußball tätig, als Trainer einer C-Jugend beim TSV 05 Ronsdorf.
Müller: Erstens, weil mein Sohn in dieser Mannschaft spielt. Und zweitens, weil ich absolut davon überzeugt bin, dass der Amateurfußball Menschen braucht, die sich ehrenamtlich einbringen. Ich will es ganz deutlich sagen: Ohne Ehrenamt ist Amateurfußball in Deutschland nicht möglich. Und welche Macht und welche Kraft der Amateurfußball hat, haben wir gerade ja ausführlich besprochen. Es geht um viel mehr als um Fußball.
