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TSV Büsum II: Sechsmal zurückgelegen - sechsmal zurückgekommen

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6:6? Da war doch was! Ältere Fußballfans dürften sich bei diesem Ergebnis vor allem an das legendäre Halbfinale im DFB-Pokal zwischen dem damaligen Zweitligisten FC Schalke 04 und dem FC Bayern München erinnern. Am 2. Mai 1984 waren die Knappen vor 71.000 Zuschauer*innen im Gelsenkirchener Parkstadion krasser Außenseiter, lieferten sich mit den Münchnern aber nach Verlängerung ein Zwölf-Tore-Spektakel.

Der damals erst 18 Jahre alte Olaf Thon, der mit Deutschland 1990 in Italien Weltmeister wurde, bezeichnet das Pokalduell mit den Bayern, bei dem er dreimal traf, noch heute als das "Spiel seines Lebens". Weil es zu diesem Zeitpunkt bei einem Unentschieden im DFB-Pokal noch kein Elfmeterschießen, sondern ein Wiederholungsspiel gab, mussten die Königsblauen eine Woche später in München antreten - und verloren 2:3.

Ganz so große Sportgeschichte wird das 6:6 zwischen dem TSV Büsum II und der dritten Mannschaft des Heider SV in der Kreisklasse B, Staffel 1, im Kreis Westküste in Schleswig-Holstein sicherlich nicht schreiben. Weniger dramatisch ging es deshalb aber nicht zu. Sechsmal lagen die Gastgeber zurück, sechsmal glichen sie aus, zuletzt in der Nachspielzeit. "Wir haben nie den Kopf in den Sand gesteckt und sind immer wieder zurückgekommen", sagt TSV-Trainer Alexander Boecker im Gespräch mit FUSSBALL.DE - und ist mächtig stolz auf sein Team.

Sechs Treffer bis zur 18. Minute

"Ich bin seit mehr als 25 Jahren im Verein, kann mich aber selbst im Jugendbereich nicht an eine ähnlich spannende Partie erinnern. So etwas habe ich noch nie erlebt", rang Boecker auch einige Tage nach dem Torspektakel an der Nordseeküste um Worte.

Der 40-Jährige, der seinen Lebensunterhalt als Steuerfachangestellter verdient, hatte sich nach dem 5:1-Sieg gegen Heide aus der Hinrunde für eine ähnlich offensive Variante im Rückspiel entschieden. "Wir haben mit einer Dreierkette und zwei Stürmern angefangen. Unser Gegner trat uns jedoch mit drei nominellen Angreifern sehr offensiv entgegen, was uns am Anfang vor große Probleme gestellt hatte", formuliert Boecker im Rückblick.

Nach gerade einmal 18 Minuten stand es bereits 3:3. Saleh Al Kheir (2./5.) und Jwan Maazoul (12.) legten für die Gäste dreimal vor, der TSV Büsum II kam aber jeweils innerhalb weniger Minuten durch Tore von Nils Ehlers (3.), Fynn-Leon Wiechert (10.) und Leon Göhring (18.) zurück. "Beide Mannschaften haben voll auf Sieg gespielt, von daher hatten es beide Abwehrketten schwer", so Alexander Boecker.

Nach dem 3:3 entschied sich der TSV-Trainer für eine etwas defensivere Ausrichtung. Seine Mannschaft musste jedoch nach einem von Mohammad Kour Ahmad (26.) verwandelten Foulelfmeter (26.) den Gang in die Kabine mit einem erneuten Rückstand antreten.

<h4>"Es fühlt sich auch ein wenig wie ein Sieg an, weil keiner so etwas zuvor schon einmal mitgemacht hatte"</h4>

In der Halbzeitpause reagierte Boecker, stellte seine Abwehr auf eine Viererkette um. "Sonst wären sicherlich noch mehr Tore gefallen", sagt der Büsumer Coach mit einem Augenzwinkern. Aber auch so klingelte es noch fünfmal. Nach dem 4:4 der Hausherren von Jan Lucas Andreas Jacobs (52.) legte der Heider SV durch Yahya Kassem (66.) und erneut Saleh Al Kheir (89.), der damit einen Dreierpack schnürte, noch zweimal vor. Der TSV hatte aber durch Pascal Schmidt (78., Foulelfmeter) und noch einmal Nils Ehlers (90.+3) jeweils eine Antwort parat.

Die Art und Weise, wie seine Mannschaft Moral bewies, macht Alexander Boecker stolz. "Die Zuschauer sind auf jeden Fall voll auf ihre Kosten gekommen", beschreibt der Trainer. "Wir haben mit dem Heider SV III nach dem Spiel abgeklatscht und uns gegenseitig noch alles Gute für den weiteren Saisonverlauf gewünscht."

Das torreiche Remis fühlte sich für die Gastgeber "auch ein wenig wie ein Sieg an, weil keiner bei uns im Team so etwas zuvor schon einmal mitgemacht hatte", verrät der TSV-Trainer. "Wenn man ehrlich ist, hatte die Partie auch keinen Sieger und vor allem keinen Verlierer verdient."

Pizzaessen und Bowlingbahn

Nach dem Spiel traf sich der TSV Büsum II noch zum gemeinsamen Pizzaessen, bevor das Team den Tag auf einer Bowlingbahn bei einem Mannschaftsabend ausklingen ließ. "Die Stimmung war bestens und wir haben viel über das Spiel diskutiert", so Boecker, der im bekannten Urlaubsort an der Nordsee von allen nur "Strammi" gerufen wird.

Der Hintergrund: Im Alter von 18 Jahren war Boecker damals mit der ersten Mannschaft ins Trainingslager nach Thüringen gereist, wollte unbedingt Stammspieler werden. "Ich habe damals einen über den Durst getrunken", erinnert sich der aktuelle TSV-Coach. "Mein ehemaliger Trainer meinte nur: 'Alex, du bist jetzt mein Stramm-Spieler.' Das war die Geburtsstunde meines Spitznamens."

Für die nächste Saison will sich der TSV Büsum II, der aktuell Platz sechs belegt und schon 17 Punkte von der Tabellenspitze entfernt ist, höhere Ziele setzen. "Wenn alles optimal läuft, möchten wir oben angreifen und den Aufstieg in die Kreisklasse A in Angriff nehmen", blickt "Strammi" optimistisch nach vorne. Dass die Widerstandsfähigkeit des Teams schon jetzt stimmt, bewies das turbulente 6:6 gegen den Heider SV III eindrucksvoll.

Autor*in
Autor/-in: Peter Haidinger/MSPW