Wunderlich:
Weltmeisterin fördert Inklusionsfußball: Pia Wunderlich hat 2003 mit der Frauen-Nationalmannschaft den WM-Titel in den USA gewonnen. Heute engagiert sich die 102-malige deutsche Nationalspielerin mit großer Leidenschaft für Menschen mit Handicap. Sie trainiert seit einigen Jahren die dritte Mannschaft des SG Bad Soden aus dem Hessischen Fußball-Verband, die in der Kreisliga C antritt. Das Besondere daran: Das Team setzt sich aus Spielern mit und ohne Behinderung zusammen.
Für sein bemerkenswertes Engagement im Inklusionsfußball hat der Verein 2017 von der DFB-Stiftung Sepp Herberger den Sepp-Herberger-Award verliehen bekommen. Wie funktioniert das Projekt in der Praxis? Im FUSSBALL.de-Interview spricht Pia Wunderlich über Inklusion im Fußball.
FUSSBALL.DE: Pia Wunderlich, Sie sind mit der SG Bad Soden III im zehnten Jahr hintereinander im regulären Spielbetrieb in der Kreisliga C dabei. Hatten Sie zum Start 2015 damit gerechnet, dass das möglich sein könnte?
Pia Wunderlich: Wir hatten es alle gehofft. Es war damals ein in Deutschland einzigartiges Projekt. Und ich weiß bis heute nicht, ob noch ein weiteres inklusives Team im normalen Spielbetrieb dabei ist. Wir sind natürlich stolz und glücklich, dass wir gerade in unserer zehnten Saison sind.
Wie sind Ihre Erfahrungen? Können Sie andere ermutigen, den Schritt auch zu gehen?
Wunderlich: Absolut gut. Und ja, auf jeden Fall. Wir haben es in keinem einzigen Moment bereut, es gemacht zu haben. Am Anfang haben wir etwas gebraucht, um in die Abläufe zu kommen. Aber mittlerweile funktioniert es super.
<h4>"Plötzlich mussten sie 90 Minuten im Elf-gegen-Elf antreten - das war eine große Umstellung"</h4>
Was war schwierig?
Wunderlich: Das fängt schon damit an, dass es unsere Spieler nur kannten, auf kleinem Feld bei deutlich kürzerer Spielzeit zu spielen. Plötzlich mussten sie 90 Minuten im Elf-gegen-Elf antreten - das war eine große Umstellung, die etwas Zeit in Anspruch genommen hat. Ich könnte viele solcher Beispiele nennen.
Was hat 2015 den Ausschlag gegeben, dieses Projekt zu starten?
Wunderlich: Die Initiative ging von den Spielern selbst aus. Ich arbeite ja in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung und habe hier zusammen mit meinem Kollegen Oliver Hofmann die Fußballgruppe geleitet. Aber den Jungs hat es irgendwann nicht mehr ausgereicht, nur in Turnieren gegen andere Einrichtungen zu spielen. Die wollten in den normalen Spielbetrieb. Und wir haben es dann möglich gemacht.
War es kompliziert?
Wunderlich: Eigentlich nicht. Wir hatten das Glück, dass Martin Berg 30 Jahre lang Geschäftsführer des Behinderten-Werks Main-Kinzig war und gleichzeitig 1. Vorsitzender der SG Bad Soden ist. So hat das dann ziemlich schnell seinen Lauf genommen. Wir sind bei dem Verein direkt auf offene Türen gestoßen. Das hat es uns leicht gemacht.
Wie sind Sie von gegnerischen Mannschaften zunächst aufgenommen worden?
Wunderlich: Wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt und darin auf dieses besondere Projekt hingewiesen. Aber auch hier gab es keine großen Probleme. Wir haben allerdings nicht nur mit den anderen Vereinen gesprochen, sondern auch mit den Schiedsrichtern und den Verantwortlichen im Verband beziehungsweise im Kreis. Alle haben uns unterstützt. Heute ist das alles kein Thema mehr. Wir werden nicht mehr als Inklusionsmannschaft wahrgenommen, sondern als SG Bad Soden III.
<h4>"Wir werden nicht mehr als Inklusionsmannschaft wahrgenommen, sondern als SG Bad Soden III"</h4>
Ist das nicht das größte Kompliment, das Sie bekommen können?
Wunderlich: Absolut. Genau so sehe ich das auch.
Wie läuft es sportlich?
Wunderlich: Ganz ordentlich eigentlich. Wir befinden uns im Mittelfeld der Kreisliga C. Da gehören wir auch sportlich hin.
Ist der Aufstieg ein Thema?
Wunderlich: Nein, überhaupt nicht. Die Kreisliga C ist genau die richtige Spielklasse für unsere Mannschaft. Wir wollen nicht hochgehen. Und absteigen können wir nicht, weil es die unterste Spielklasse ist. Das passt wunderbar. Die Jungs sollen einfach nur Spaß am Fußball haben. Bei uns gibt es überhaupt keinen Druck.
Besteht die Mannschaft ausschließlich aus Spielern mit Einschränkungen?
Wunderlich: Nein, das würde vermutlich auch nicht funktionieren. Unser wichtigstes Anliegen ist es, unseren Spielern mit Handicap möglichst viel Spielzeit zu geben. Ob wir gewinnen oder verlieren, ist eher zweitrangig. Aber wir brauchen auch immer drei oder vier Spieler ohne Einschränkungen, die die Organisation auf dem Platz übernehmen und die Struktur vorgeben.
Warum ist das nötig?
Wunderlich: Wir haben viele Spieler mit einer geistigen Behinderung. Denen kann man zwar sagen, dass sie auf der rechten Außenbahn spielen oder die Nummer zehn des Gegners decken sollen. Das klappt inzwischen auch sehr gut. Aber es ist für sie nicht möglich, komplexere Spielsituationen richtig zu bewerten. Dafür brauche ich als Trainerin ein paar Spieler auf dem Rasen, die kein Handicap haben.
Wie wichtig ist es für die Menschen mit Handicap, im normalen Spielbetrieb dabei sein zu können?
<h4>"Im Amateurfußball sind andere Aspekte für uns viel wichtiger als Sieg, Unentschieden oder Niederlage"</h4>
Wunderlich: Unglaublich wichtig. Im Amateurfußball sind andere Aspekte für uns viel wichtiger als ein Sieg, ein Unentschieden oder eine Niederlage. Bei uns kann man wunderbar erleben, dass die Menschen mit Handicap durch den Amateurfußball viel selbstbewusster und eigenständiger geworden sind und dadurch auch im normalen Leben viel besser zurechtkommen. Ich will ein konkretes Beispiel nennen: Manche müssen mit dem Zug zum Training kommen, weil sie etwas weiter weg wohnen. Früher wäre das für sie nicht möglich gewesen. Heute funktioniert das wunderbar. Ich wage zu behaupten, dass der Fußball hierbei eine entscheidende Rolle spielt.
Das alles funktioniert nur, weil sich viele Menschen ehrenamtlich einbringen…
Wunderlich: Ohne das Ehrenamt würde der Amateurfußball in Deutschland nicht funktionieren. Es ist ein großes Glück, dass sich viele freiwillig und aus Überzeugung engagieren. Leider werden es immer weniger. Hier müssen wir gegensteuern: Das Ehrenamt ist das Fundament des Amateurfußballs. Ich kann nur jede und jeden ermutigen, sich einzubringen: Ja, man muss etwas Zeit investieren. Aber es macht unglaublich viel Spaß.
Sie selbst waren als Fußballerin extrem erfolgreich. Sie haben nahezu alles gewonnen, was man gewinnen kann - sowohl national als auch international. Sticht für Sie persönlich irgendetwas heraus?
Wunderlich: Ganz spontan würde ich sagen: die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2004 in Athen.
Wegen des Gewinns der Bronzemedaille?
Wunderlich: Nein, nicht nur. Vor allem wegen der Olympischen Spiele selbst. Es war unglaublich schön, im Olympischen Dorf zu wohnen, die anderen Sportlerinnen und Sportler kennenzulernen und dieses außergewöhnliche Flair zu erleben. Olympische Spiele sind einfach nur großartig - in jeder Hinsicht.
Und was ist mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 2003 in den USA?
Wunderlich: Das ist natürlich aus sportlicher Sicht mein größter Triumph. Wir waren eine super Truppe und haben ein überragendes Turnier gespielt. 2023 haben wir uns auf dem DFB-Campus getroffen und 20 Jahre später dieses Turnier noch mal Revue passieren lassen. Es war eine Reise in die Vergangenheit, die viele Erinnerungen geweckt hat. Für mich hat es sich wie ein Klassentreffen angefühlt.
