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Lars Leese:

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Vom Hobbykicker zum Profifußball: Lars Leese hat das geschafft, wovon viele träumen. Am Höhepunkt seiner Karriere hat der Torwart mit einer sensationellen Leistung einen 1:0-Sieg des FC Barnsley beim FC Liverpool gefeiert. Die Geschichte wird ausführlich im Buch "Der Traumhüter" von Ronald Reng beschrieben. Was aber viele nicht wissen: Ein verdorbenes Hühnchen hat sein kurzes Glück im Profifußball zerstört - Leese ist ziemlich schnell wieder im Amateurfußball gelandet. Und heute? FUSSBALL.DE hat sich mit Leese dort getroffen, wo alles begann: auf einem Fußballplatz im Kölner Umland. Im Interview beschreibt der 56-Jährige eindrucksvoll, warum er heute den Amateurfußball mehr liebt als jemals zuvor.

FUSSBALL.DE: Lars Leese, wir stehen hier auf der Anlage des BC Efferen im Fußball-Verband Mittelrhein. Für Sie ein besonderer Ort?

Lars Leese: Genau hier habe ich vor 40 Jahren schon einmal gestanden.

Warum?

Leese: Ich habe in der Jugend bei Fortuna Köln und dem 1. FC Köln gespielt. Ich war ein talentierter Torwart. Eines Tages haben mir die FC-Verantwortlichen einen Vertrag vorgelegt. Sie wollten mich zum Profi machen.

Und was hat das mit dem BC Efferen zu tun?

Leese: Ich habe abgelehnt.

Sie haben abgelehnt?

Leese: Ja, ich habe abgelehnt.

<h4>"Mir war der Druck als Profi zu groß: Ich war mitten in der Pubertät und hatte andere Interessen, als jeden Tag zum Training zu gehen"</h4>

Zehntausende andere träumen davon und schaffen es nicht. Und Sie haben Nein gesagt?

Leese: Mir war der Druck als Profi zu groß. Ich war mitten in der Pubertät und hatte andere Interessen, als jeden Tag zum Training zu gehen. Ich hatte schon damals meinen eigenen Kopf und habe mir da nicht reinreden lassen.

Sie haben also einen Schritt gemacht, den sonst vermutlich niemand macht: aus dem Profifußball in den Amateurfußball.

Leese: Ich würde eher das Gegenteil behaupten: Diesen Schritt machen ganz viele. Aber ungewollt, weil sie es nicht gepackt haben. Das Besondere bei mir war, dass es umgekehrt war: Ich hätte es vermutlich geschafft, aber ich wollte nicht. Ich habe mich ganz bewusst dagegen entschieden.

Und dann BC Efferen statt 1. FC Köln. Warum?

Leese: Ich habe dort die Straße runter gewohnt. Ich konnte zu Fuß zum Platz gehen. Das habe ich gemacht, und dann habe ich den Verantwortlichen gesagt, dass ich Lars heiße und gerne hier spielen möchte.

Wie war die Reaktion?

Leese: Sie haben gefragt, ob ich der Lars Leese sei, der im FC-Nachwuchs spielt.

Und?

Leese: Ich habe gesagt, dass ich genau dieser Lars Leese bin.

Und dann haben Sie beim BC Efferen das Tor gehütet?

Leese: Nein, eben nicht. Ich habe eine Bedingung gestellt: Ich wollte im Feld spielen, nicht im Tor.

Warum nicht?

Leese: Ich hatte keine Lust mehr aufs Tor. Und außerdem war das hier früher nicht so eine tolle Kunstrasenanlage. Das war Asche. Haben Sie schon mal auf der Asche im Tor gespielt?

<h4>"Wenn du als Torwart über den Platz in kurzer Hose zehn Zentimeter drüber gerutscht bist, hattest du Verbrennungen an den Beinen"</h4>

Nein, ist aber auch keine schöne Vorstellung…

Leese: Genau. Der FC war damals einer der ersten Vereine, der einen Kunstrasen hatte. Aber der war anders als dieser hier. Wenn du als Torwart über den Platz in kurzer Hose zehn Zentimeter drüber gerutscht bist, hattest du Verbrennungen an den Beinen. Aber auch beim BC Efferen gab es ein Problem.

Nämlich?

Leese: Die wollten unbedingt, dass ich ins Tor gehe. Ich bin allerdings stur geblieben.

Mit welchen Folgen?

Leese: Ich durfte nicht bei der Ersten spielen. Ich bin dann in die zweite Mannschaft gegangen. Da habe ich im Sturm gespielt. Ich hatte vorher etwas die Lust am Kicken verloren. Der Amateurfußball war dann sozusagen die Renaissance meiner Fußballliebe.

Haben Sie auch Tore gemacht?

Leese: Jede Saison mindestens 40 Stück. Ich war immer Torschützenkönig in der Kreisliga B.

Wie war es damals im Amateurfußball?

Leese: Für mich war das eine neue Welt. Es war großartig. Genauso, wie man es sich vorstellt. Zusammen trainieren, danach in der Kabine ein Bier trinken. Das ist es doch, was den Amateurfußball ausmacht. Noch heute habe ich Freunde, die auch in dieser Mannschaft gespielt haben. Freitags und samstags sind wir immer in die Kneipe gegangen. Das war dort drüben, das "Laternchen". Samstags haben wir aber keinen Alkohol getrunken.

Wegen des Spiels am nächsten Tag?

Leese: Genau, hat mal besser und mal schlechter geklappt… Ich kann mich an einige schöne und intensive Feiern erinnern.

<h4>"Mein soziales Umfeld war mein Autoradio"</h4>

Vom BC Efferen ging es für Sie zu den Sportfreunden Neitersen.

Leese: Auch das war reiner Amateurfußball. Und auch das habe ich gemacht, weil ich Bock darauf hatte. Ich bin fünfmal in der Woche nach der Arbeit zum Training dorthin gefahren. 140 Kilometer, eine Strecke. 4000 Kilometer im Monat. Einfach der Kameradschaft wegen. Ich habe zwar etwas Geld bekommen, aber am Ende war es ein Verlustgeschäft für mich, weil die Benzinkosten so hoch waren. Als ich dort aufgehört habe, war ich verschuldet. Aber wir hatten gemeinsam eine coole Zeit. Dennoch war es brutal: Mein soziales Umfeld war mein Autoradio.

Über Umwege sind Sie dann doch noch dort gelandet, wo Sie eigentlich gar nicht hin wollten.

Leese: Im Profifußball. Als Torwart. Verrückt, oder?

Die Geschichte wird ausführlich im Roman "Der Traumhüter" von Ronald Reng beschrieben. Ihr Weg aus der Kreisliga in die englische Premier League und zurück.

Leese: Ich glaube nicht, dass es so etwas vorher schon mal gab. Und heutzutage ist das wahrscheinlich ausgeschlossen. Ich habe mit 20 Jahren Kreisliga B im Sturm gespielt und ein paar Jahre später im Tor der Premier League. Völlig verrückt. Ansatzweise kann man vielleicht noch an Miro Klose denken, dessen Weg ebenfalls ungewöhnlich war - aus der Landesliga zunächst in die 2. Bundesliga.

Oder ganz aktuell Said El Mala?

Leese: Ja, da würde ich auch noch mitgehen. Den hatte ebenfalls kaum noch jemand auf dem Zettel. Und jetzt startet er richtig durch.

Sie sind dann in der Premier League in England durchgestartet.

Leese: Durchgestartet ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber ich habe es ins Tor des FC Barnsley geschafft.

Mit dem Sie 1997 vor ziemlich genau 30 Jahren sensationell beim FC Liverpool gewonnen haben.

Leese: Vor dem Spiel war ich so nervös, dass ich mir die Schuhe nicht selbst binden konnte. Mir musste da jemand helfen.

Wie war es dann, als Sie in den heiligen Fußballtempel "Anfield Road" betreten haben?

<h4><em>"Alle singen 'You'll never walk alone' - das kickt dich einfach weg, das ballert ohne Ende, ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper"</em></h4>

Leese: Wenn man dort einläuft, singen alle "You’ll never walk alone". Mit jedem Schritt wird das lauter und lauter. Und wenn man dann dort den Rasen betritt, dann ist das krass wuchtig. Man muss es erlebt haben, man kann es nicht mit Worten beschreiben. Das kickt dich einfach weg. Das ballert ohne Ende. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper. Auf den Tag genau 30 Jahre nach diesem Spiel habe ich mir "You’ll never walk alone" auf den Oberarm tätowieren lassen.

Sportlich der größte Tag in Ihrem Leben?

Leese: Natürlich. Aber auch hier habe ich wieder die Schattenseiten des Profifußballs kennengelernt. Es macht einfach etwas mit dir, wenn du am nächsten Morgen eine schlechte Note in der Zeitung bekommst. Oder wenn deine Kinder in der Schule beleidigt werden, weil ich schlecht gehalten habe.

Nach dem Sieg in Liverpool dürfte Ihre Note ziemlich gut gewesen sein.

Leese: Es war eine 10. Mehr geht nicht, ein Ritterschlag. Ich stand dann auch in der Elf des Spieltags. Es war aber auch eine überragende Leistung von mir. Das war mein Moment. Schön, dass ich das erleben durfte.

Und dann?

Leese: Ja, dann kam die Geschichte mit dem halben Hähnchen.

Erzählen Sie bitte?

Leese: Der Trainer hatte mich zum Gespräch gebeten und mir gesagt, dass ich ab diesem Tag erster Torwart des FC Barnsley sei und dies auch bis zum Ende der Saison bleiben werde. Ich hatte mich damit gegen den damaligen Torwart der englischen U 21 durchgesetzt. Donnerstags nach dem Training hat meine Frau dann ein Hähnchen besorgt, das wir abends gemütlich gegessen haben.

Gut bekommen ist es Ihnen nicht.

Leese: Das ist noch schön ausgedrückt. Ich habe fast 48 Stunden über der Kloschüssel gehangen. Es ging nichts mehr, ich war am Ende. Ich hatte mir Salmonellen eingefangen.

<h4>"Ich habe den Erfolg der Mannschaft über mein persönliches Schicksal gestellt"</h4>

Und samstags stand das nächste Spiel auf dem Programm.

Leese: Und das war das Problem. Ich bin morgens zum Trainer und habe gesagt, dass ich nicht dabei sein kann. Es war ein Spiel gegen die Bolton Wanderers. Ich war total geschwächt. Aber ich hatte das Gefühl, dass der Trainer mir das nicht so richtig geglaubt hat. Im Nachgang habe ich oft überlegt, ob ich mich trotzdem hätte ins Tor stellen sollen. Ich habe es damals jedoch nicht getan, weil ich den Erfolg der Mannschaft über mein persönliches Schicksal gestellt habe. Ich war nicht in der Lage, eine gute Leistung abzurufen und der Mannschaft helfen zu können.

Bereuen Sie diese uneigennützige Entscheidung im Rückblick?

Leese: Puh, gute Frage. Die habe ich mir auch oft gestellt. Andere stellen sich einfach rein, schlimmstenfalls mit dem Kopf unter dem Arm, Hauptsache man verteidigt seinen Platz. Ich war da anders: Wir waren mitten im Abstiegskampf. Es ging um jeden Punkt.

Dann anders formuliert: Hat Ihnen dieses halbe Hähnchen Ihre Profikarriere gekostet?

Leese: Ja, auf jeden Fall. Danach war mein Konkurrent im Tor die Nummer eins und hat auch gute Leistungen gezeigt. Es gab keinen Grund mehr für einen weiteren Wechsel. Ich war raus.

Am Ende der Saison sind Sie abgestiegen.

Leese: Nach dem Abstieg habe ich sogar eine Zeit lang noch mal im Tor gestanden. Aber ich habe nicht das Vertrauen des neuen Trainers gespürt. Ich wusste, dass er nur auf Fehler von mir wartet, um meinen englischen Konkurrenten ins Tor zu stellen. Und so kam es dann auch im Laufe der Hinrunde. Die ganze Geschichte würde später völlig skurril: In der englischen zweiten Liga war es meiner Erinnerung nach so, dass man nur vier oder fünf Ersatzspieler auf die Bank setzen durfte. Unser Coach hat dann fünf Feldspieler genommen und auf einen zweiten Torwart verzichtet. Das war für mich dann das letzte Signal, dass ich nicht mehr gewünscht war.

Und wenn sich der Torwart verletzt hätte?

Leese: Tja, das wäre sicher witzig geworden. Ist aber nicht passiert.

<h4>"Halbe Sachen gehen nicht, halbe Hähnchen übrigens auch nicht mehr"</h4>

Wie ging es für Sie dann weiter?

Leese: Mein Vertrag in Barnsley lief aus. Ich habe einige sehr gute Probetrainings absolviert, eines bei einem schottischen Erstligisten. Leider hatte ich einen Berater, der ohne Rücksprache mit mir viel zu viel gefordert hat, und ich deshalb keinen neuen Verein fand.

Ein gutes Jahr nach der Sensationsleistung in Liverpool waren Sie arbeitslos.

Leese: Wieder so eine kuriose Wendung in meiner Karriere. Ich habe sie dann in den zweiten Mannschaften von Borussia Mönchengladbach und beim 1. FC Köln ausklingen lassen.

Hat sich der Kreis mit der Rückkehr zum FC irgendwie dann doch noch geschlossen?

Leese: Absolut. Ich war wieder dort angekommen, wo es begonnen hatte. Ich werde immer gefragt: "Mensch Lars, hättest du nicht gerne noch ein paar Jahre Profifußball gespielt?" Natürlich hatte ich das gerne, alles andere wäre gelogen. Aber am Ende ist alles gut geworden. Ich habe meinen Frieden damit gefunden. Meine Geschichte ist außergewöhnlich. Wenn das nicht so wäre, würden wir jetzt vermutlich nicht hier auf der Anlage des BC Efferen stehen und darüber sprechen.

Sie waren dann noch als Trainer im Amateurbereich tätig.

Leese: Ich habe sogar den Fußball-Lehrer gemacht. Es war eine schöne Zeit. Aber ich arbeite in einem großen deutschen Konzern und bin beruflich extrem eingespannt. Ich will nicht ausschließen, noch mal als Trainer zu arbeiten. Aber im Moment bekomme ich das zeitlich kaum hin. Und wenn ich etwas mache, dann auch richtig. Halbe Sachen gehen nicht, halbe Hähnchen übrigens auch nicht mehr.

Autor*in
Autor/-in: Sven Winterschladen