Borussia Neunkirchen: Ex-Bundesligist kämpft ums Überleben
Glanz und Ruhm früherer Tage sind noch greifbar, wenn man das altehrwürdige Ellenfeldstadion im saarländischen Neunkirchen betritt. Zwischen 1912 und 1963 spielte die Borussia ohne Unterbrechung in der höchsten deutschen Spielklasse, 1959 stand sie im DFB-Pokalfinale (2:5 in Kassel gegen Schwarz-Weiß Essen). In den Sechzigerjahren folgten drei Bundesligaspielzeiten, später war der Klub über viele Jahre hinweg zumindest zweitklassig.
Mit dem Niedergang der Schwerindustrie geriet auch der Traditionsverein zunehmend unter Druck. Nach 2003 und 2015 befindet sich Borussia Neunkirchen aktuell zum dritten Mal in einem Insolvenzverfahren. Anders als in der Vergangenheit will der Vorstand das Verfahren nun konsequent zu Ende führen - mit dem Ziel eines schuldenfreien Neuanfangs.
Schlüsselperson ist derzeit Thomas Becker. Das Amtsgericht Saarbrücken bestellte den Dillinger Rechtsanwalt zum vorläufigen Insolvenzverwalter. Er prüft, ob ausreichend Masse vorhanden ist, um das reguläre Verfahren zu eröffnen. Andernfalls droht im Extremfall die Auflösung des 1905 gegründeten Vereins.
Untrennbar verbunden mit der Borussia sind große Namen, wie etwa die Familie Kuntz: Günter Kuntz prägte den Verein in den Sechzigern, sein Sohn Stefan wurde später Oberliga-Torjäger, dann Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern, Nationalspieler und Europameistertrainer mit der U 21 des DFB.
Kurzfristiger Sponsorenschwund
Auslöser der aktuellen Krise war das kurzfristige Wegbrechen mehrerer Sponsoren im Zuge von Ermittlungen rund um ein Glasfaser-Ausbauprojekt im Saarland. Der Verein ist nach eigener Darstellung nicht Beschuldigter, dennoch fielen zentrale Einnahmequellen weg. Der Vorstand stellte fristwahrend Insolvenzantrag, um eine Insolvenzverschleppung zu vermeiden. Die sportlichen Folgen sind gravierend: Sämtliche Spieler der Saarlandliga-Mannschaft verließen den Verein in der Winterpause, nachdem die Gehälter nicht mehr gezahlt werden konnten.
Kevin Lüder, bislang Trainer der A-Junioren, formte daraufhin aus U 19- und U 23-Talenten eine neue Mannschaft. Rund 20 Spieler stehen bereit, ebenso das Trainerteam - ehrenamtlich. Die sportliche Leitung übernimmt Boris Schellenberg. Das Ziel ist klar: Respektvoll antreten, Erfahrungen sammeln und perspektivisch einen Neustart in der Verbandsliga vorbereiten. "Die Jungs können in der Frühjahrsrunde wertvolle Erfahrungen sammeln und vielleicht den ein oder anderen Gegner ärgern", sagt Lüder. In der Vorbereitung gelangen zwar ausschließlich Siege gegen unterklassige Teams, im ersten Saarlandliga-Spiel nach der Winterpause folgte dann ein glattes 0:7 beim FC Rastpfuhl.
Als Fundament gilt die Jugendabteilung. Rund 200 Kinder und Jugendliche sind in zehn Mannschaften aktiv. A- und B-Junioren spielen in der Landes-, die C-Junioren in der Bezirksliga. Turniere wie der Chris-Bläs-Cup oder das Nikolausturnier waren regelmäßig ausgebucht. Der Spielbetrieb wird maßgeblich von Ehrenamtlichen getragen.
Bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte zuletzt einer aus den Nachwuchsreihen des Traditionsvereins: A-Junior Mahmut Ouzaid, der im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF an der Torwand gegen die Olympiasieger Julia Taubitz und Philipp Raimund gewann.
Dauerthema Ellenfeldstadion
Ein weiteres Dauerthema ist unterdessen das kostenintensive Ellenfeldstadion. Der Vorstand wirbt um Unterstützung für einen möglichen Auszug, doch viele Mitglieder lehnen das ab. In besseren Zeiten pilgerten bis zu 30.000 Zuschauer in die traditionsreiche Arena, die 1912 offiziell eröffnet wurde.
Eine Perspektive könnte eine Kooperation mit der benachbarten SV 07 Elversberg sein. Während die Borussia ums Überleben kämpft, hat sich die SVE nach ihrem kometenhaften Aufstieg mittlerweile in der 2. Bundesliga etabliert und sucht Flächen für U 21, Frauen- und Nachwuchsleistungsbereich. An der Kaiserlinde haben sie bereits Gesprächsbereitschaft signalisiert, was eine mögliche Zusammenarbeit angeht.
Noch aber hängt alles am Insolvenzverfahren. Scheitert es, droht die Auflösung mit anschließender Neugründung in der untersten Liga - ein Szenario, das im Ellenfeld niemand laut aussprechen möchte.
